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Vita Holger Schnapp

Holger Schnapp in Istanbul 2017

Istanbul 2017

Holger Schnapp Portrait

 

1951 geboren in Hagen-Hohenlimburg. Kunst- und Germanistikstudium an der Universität Dortmund und der GHS Wuppertal, Kunst bei Prof. Walter Erben und Prof. Bazon Brock. 1984 Gastaufenthalt in der Villa Romana, Florenz.

Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen seit 1974 in Deutschland, Frankreich, Rumänien, Spanien und der Schweiz.

Arbeiten in öffentlichen und privaten Sammlungen. 15 Arbeiten sind im Besitz der Bundesrepublik Deutschland.


 Buchpublikationen

Inter.View, Norderstedt 2007

Odyssee, Norderstedt 2013


 

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Atelier

 

Klaus-Peter Busse

Malen heißt immer auch leben

Über die neuen Bilder von Holger Schnapp

„I sing the songs ( I write the songs)“
Francis Albert Sinatra

Als Holger mir die Holzboote im „vieux port“von Marseille zeigte (dieses ist sicherlich nicht teuer, den Kahn kaufen wir, Jacques kümmere sich im Winter um den Lack und dann raus auf das Meer), erinnerte er mich an Hemingway, wie er da stand und mit den Südfranzosen parlierte. Das ist seine Heimat, sah ich, er spricht mit den Menschen, weiß, was sie tun. Holger ist da, wo er sich aufhält, nie in der Fremde, aber trotzdem ist er der Beobachter wie die vorstellbare Figur, die den alten Mann und das Meer auf der Terrasse sitzend mit einem Drink in der Hand nicht aus den Augen verliere. Holger ist auch in seinen Bildern nicht nur Maler, sondern auch Erzähler. Da beginne Malerei für mich interessant zu werden.

Er zeigte mir die großen Schiffe nach Afrika und das Araberviertel in Marseille. Vielleicht träumt Holger doch davon, mit einem Boot über das Mittelmeer zu fahren: Say hello, Catullus, to the coasts of Asia Minor. Dort sieht er das Leben, die Bäuche der großen Pötte, die Gestrauchelten und die Sehnsucht. Dies ist lesbar in den Spuren, die sie hinterlassen an den Wänden, in den Gesten im einfachen Leben, auf dem Stahllaib. Holger siehe dies alles, in Marseille und New York oder in den Hafenanlagen von Köln. Er nimmt die Wirklichkeit, davon bin ich fest überzeuge, am liebsten unvermittelt wahr, zunächst weniger durch Bilder oder Bücher als durch das eigene Erleben. Er hat das Leben lange entzyklopedisiert, bevor er anfange zu malen oder zu zeichnen. Schriftsteller wie Maler überprüft er daraufhin, ob sie es auch tun. Deswegen schätze er die Schriften von Peter Handke. Holger erzählt keine erfundenen Geschichten.

Städte und Häfen vertuschen die Gegensätze. Sie sind die Orte einer sicheren Heimkehr, des Zuhauses, aber zugleich sind sie die Räume der Entgrenzung in der Anonymität und des unsicheren Bodens, Flächen des Abenteuers, spontanen Erlebens. Der Schiffer verläßt seinen Hafen bald. überall in den. Städten entdecke man lcams, der stürzte, weil die Vorkehrung nicht reichte: die angstlose Lust des Menschen an der AuflЪsung ihm gesetzter Grenzen und die Gefahr seines Scheiterns. Die Geschichte der Kunst zeigt eindringlich, daß ein Maler dieser Offenheit des Lebens häufig genug mit der Sprache seiner Bilder gegenübertritt.

Die Schiffe, ich denke immer an Twomblys Boote, die die Vergänglichkeit des Menschen auf seiner Reise lichtumflutet erlebnisgeschwängert in den Malgrund eingraben, sind Vehikel, die nicht nur transportieren. Sie tun dies auf eine eigentümliche Weise. Denn sie sind meistens in einem leeren Raum. Goethe hat, als er von Neapel nach Palermo übersetzte, eine Ohnmacht beschrieben gegenüber diesem Nichts von Blau und Horizont. Diesen Raum wird man besetzen, einrichten wollen, wie Paul Valery es beschreibe. In Holgers Bildern schlummern Leere und Möbel zugleich, das Angebot des Einrichtens und das Zugreifen auf das Leben, das Malen nämlich.

Als wir später in Holgers Atelier ankamen und er mir in Sigonce, einem kleinen Dorf in der Haute Provence, seine Bilder zeigte, begriff ich erst, wie schwierig dieser Anspruch ist. An der Straße von Forcalquier nach Sigonce liegen die „Mourres“, eine bizarre Landschaft von erodierten Kalkfelsen, die als Dokumente einer vergangenen Zeit auf die Erdgeschichte der Provence verweisen. Wie die Bäuche der Schiffe, die Horizonte und die Spuren des Menschen in der Stadt erregen auch solche Hinterlassenschaften der Zeit Holgers Bildinteresse, das ihnen Lebenskraft abgewinnt. Aus dem amorphen Fels wird ein protzender Phallus, der dionysisch lebenshungrig in den Landschaftsraum greift. Hatten die Griechen Phallusmodelle zur Ausstattung ihrer Bacchanalien vor und in ihren Theatern benutzt, werden in Holgers Zeichnungen und Gemälden die Felsphalli zu einem skulpturalen und natürlichen Teil jener Landschaft in der Provence, die sich nach Süden wie ein Amphitheater vor den Mourres öffnet. Dort sitzt Holger wie in einem hortus conclusus, jetzt abgeschieden, aber morgen wieder auf dem Weg nach Marseille oder nach New York.

„AFFAIRES MARITIMES” heißen die um Schiffe und Meer gemalten Bilder, die „CHELSEA-SERIE” entstand in der Verarbeitung eines Aufenthaltes in New York, „ICARUS” ist eine schon lange gültige Ikonografie in Holgers Gemälden und Zeichnungen. Die neuen Bilder über den Hafen der Kölner „RHEINAUE” zeigen seine eine, „LES MOURRES” seine andere Heimat.

Die frühesten Bilder hatten, soweit ich mich erinnere, alle einen sehr konstruktiven orthogonalen Bau. Wahrscheinlich rührte dies von Holgers Interesse an dem kubistischen Picasso. In den achtziger Jahren entfernte sich das Motiv, und leere Bildräume entstanden, in denen Raum, vielleicht auch Zeit durch Zahlen und Grafismen auf horizontalen Linien vermessen wurden. Jetzt, wo ich in Houston in der neuen Twombly-Galerie der Menil-Collection neben der Rothko Kapelle mit den großen Monochromien Twomblys „Treatise on the veil“ sehen kann, fällt mir dieser Anspruch auf. Wo Twombly den Raum und die Zeit in der Horizontalen misst (ich erinnere mich, Holger einmal die Abbildung eines ähnlichen Bildes von Twombly geschenkt zu haben), erfährt ihn Rothko in der Tiefe durch Überlagerungen von Farbschichten: es gibt keinen besseren Ort. um über Holgers Bilder nachzudenken.

Einer Reduktion der Farbpalette auf Schwarz, Weiß und Grau folgte eine Belebung des beinahe mathematischen Raumes durch leuchtende Farbigkeit. Holgers Bilder wurden blau. Geometrisierte Bildräume legte Holger durch Schichtungen und Übermalungen in transparenten layerings oder an den Rändern an. Wir sprachen damals viel über Richard Diebenkorn, einen amerikanischen, und über Rafols Casamada, einen katalanischen Maler, die beide für Holger wichtig waren. Noch heute hängt eine Paraphrasierung solcher Absichten, eine kleine Farbskizze, in Holgers Kölner Atelier. Zu dieser Zeit hatten sich Übermalungen, Schichtungen und Verwischungen in seiner Bildsprache herausgebildet.

Während eines Italienaufenthaltes entwickelte Holger sein Konzept eines visuellen Tagebuchs, das er von nun an in unterschiedlichen Formen weiterentwickelte. Es ging jetzt um die Markierung und Dokumentation von Spuren. Als ich Holger während eines Arbeitsaufenthaltes in Venedig besuchte, erkannte ich schon auf den Pfeilern von Santa Maria Novella, dem venezianischen Bahnhof, Holgers Anwesenheit an den Tesakreppumwicklungen, die man heute noch an den Rändern seiner Bilder sieht. Holger hielt die Tage durch Collagen, meistens auf den Titelseiten irgendwelcher lokaler Journalien fest. Bildlösungen der Gemälde gingen in das Layout der Blätter ein. Langsam verwirklichte sich das Projekt eines dreijährigen Tagebuchs, das im Hagener Museum ausgestellt wurde. Hier entdeckte der Betrachter Holgers Anspruch. Die Zeichnungen und Collagen waren akribisch genau in Aktenordnern abgeheftet, Teile daraus einfach auf Leisten gehängt, und Gemälde wurden dem zugeordnet. Holger hatte Spuren gesammelt Wahrnehmungen geordnet und Leben bewertet. In dieser genauen Beobachtung von Lebens- und Wahrnehmungsvorgängen erkannte er das Icarus-Motiv, eine sehr sinnlich werdende Metapher für Holgers Auffassung von Möglichkeiten menschlicher Existenz, eine Bildmetapher, die ihn nicht mehr loslassen sollte. Es wurde schnell klar, dass seine Bilder nicht fiktiv sind, sie sind keine Lügen im Dienste eines vermeindlich guten Bildes, sondern sie sind sein Leben. In Zusammenarbeit mit seiner Frau Anne entstanden noch weitere Projekte solcher Spurensicherungen, eine Kollaboration eines Künstlerehepaares, die mich eher an Anne und Patrick Poirier als an andere Schreckgespenster der Vermarktungskunst denken läßt. Holgers neueste „CHELSEA-SERIE” bildet in diesem Konzept einen vorläufigen Höhepunkt.

Übermalungen und Schichtungen sind in erster Linie Zeugnisse des Malaktes, der nicht verschleiert werden will. Sie verweisen auf die Entstehungszeit des Bildes als erzählte Zeit, die wiederum in Holgers Bildern Lebenszeit ist. Er bleibt aber nicht dabei stehen. Sind die vielfältigen Malgründe schon wegen ihrer Anbindung an die erzählte Zeit keine gegenstandslosen Flächen, erzeugt Holger durch Figuren, die sich aus den Gründen herausgebären, jene Verflechtung von Figur und Grund, die schon in der kubistischen Malerei den einfachen Blick auf die Wirklichkeit verstellte, ihn aber voraussetzte. Die Figuren auf Holgers Bildern sind nicht nur Gesten, obwohl ihn das gestische natürlich interessiert, weil es den Malakt komprimiert.

„Lyrische Abstraktion“ oder „gestischer Expressionismus“ beschreiben als stilklassifizierende Begriffe Holgers Arbeiten aus diesem Grund nicht umfassend genug, ebensowenig, wie sich seine Bilder lediglich meditativ erschließen lassen. Vielmehr liegen ihnen jene ästhetischen Verarbeitungsprozesse von Wirklichkeit und die explorative Freiheit der Erkenntnis von Welt im Malakt zugrunde, die seine Bilder vorbei an dem Tempel der Kunstreligion an den Ort stellen, für den sie gemalt sind: einen nicht übertrieben gemeinten, ganz normalen Umgang mit Kunst. Diese Selbstverständlichkeit, die fehlende Übertreibung und die Akzeptanz der bloßen ästhetischen Aktivität sind in Holgers Arbeit Tatsachen, die man bewerten muß. Ich schätze sie und die den Bildern fehlende Willkür in dem Balanceakt zwischen notwendiger Freiheit im Malakt und dem Gedanken im Kopf, den jeder Maler kennt.

Holger schätzt Emil Schumacher, neben seinem Lehrer und Freund Walter Erben wichtige „Bilderväter“ aus der Hagener Zeit. Hier schließt sich zur Кunst ein biografischer Kreis. Walter Erben hätte sicherlich die malerischen und menschlichen Erfahrungen, die sich in den Bildern heute zeigen, gewürdigt, denn allen seinen Schülern hat er immer wieder die notwendige Bindung von Kunst und Leben erklärt und vorgelebt, worüber es einen erregenden Briefwechsel zwischen ihm und Joseph Beuys gibt. Es ist nicht nur eine gute Erinnerung zu sehen, wie Holger diesen Anspruch in die Möglichkeiten der Malerei heute fortschreibt.

In einem seiner neuen Gemälde trägt Holger olivgrüne, mit Terpentinöl verdünnte Ölfarbe mit Hilfe eines Gummirakels auf, verdichtet diesen Grund fortlaufend durch weitere Schichten, komplementiert diesen Akt durch das Einkleben von Aluminiumplänen, legiert diese layerings durch Acrylübermalungen, in denen sich das Motiv entwickelt. Eine Bildoberfläche mit dem zarten Eindruck von Samt entsteht, den man streicheln will. Auf einem anderen Bild ist die Oberfläche so pastos, beinahe rissig, daß man meint, man blicke in ein Fass brodelnder energiegeladener Substanzen.

Fährt Holger wieder in sein südfranzösisches Atelier, wird er bald die Bukolik in der Beschaulichkeit von Sigonce zumindest für einige Tage verlassen, um im Vieux Port von Marseille überzusetzen und um weiter oben einen Blick auf das Meer zu erreichen, um dann schließlich in die Welt der vielen Icarusse abzutauchen. Irgendwo dort, spätestens aber in Cassis werden wir uns alle dann zum Mittagessen treffen. Darauf freue ich mich schon.

 

 

Mapping und Collage, Schichtung und Übermalung

Das Werk von Holger Schnapp war schon sehr früh von der Absicht geprägt, über Collagen die persönliche Erfahrungswirklichkeit in die entstehenden Bilder hineinzuholen. Seit den achtziger Jahren entstanden in mehreren Bildprojekten Werkkomplexe, die sich der autobiographischen Sicherung von Lebensspuren widmeten und die an bedeutenden Orten ausgestellt wurden. Die Projekte widmeten sich ausschließlich den Vorhaben der Spurensicherung, oder sie reflektierten und dokumentierten die Entstehung von gleichzeitig erarbeiteten Gemälden. Die Arbeiten fallen im Kontext der damals zumindest im Trend liegenden Spurensicherung aus dem Rahmen, weil sie zwar das für Dokumentationen notwendige Raster einer Bildordnung zeigen, aber insgesamt die künstlerisch-individuelle Gestaltung und Durchforrnung in jedem Teilsegment der Projekte betonen. Schnapp sammelte nicht nur Fundstücke in einer „bürokratischen Ordnung“. Es ist vielmehr sein Anliegen, gesammelte Spuren als Anlaß für Zeichnung und Malerei zu begreifen. Alle Projekte zeigen eine Art künstlerischer Besessenheit in der Absicht, Malerei an ihren Wurzeln um die Entstehung von Bildern und um ihren Entwicklungsprozeß in der Lebensgeschichte des Künstlers zu betreiben. Diesen Vorgang als künstlerische Strategie kenntlich zu machen, ist Aufgabe der Tagebuchprojekte.

Wie sich in diesen Collagen Materialien übereinanderlagern, überarbeitet werden und wie sich ihre Inhalte als Äußerungen über eine Biographie und über Kunst deuten lassen, zeigt, daß ein wesentliches Thema der Projekte das übermalen ist. Es ist daher nur folgerichtig, wenn sich diese künstlerische Handlung auch in der eigenständigen Malerei des Künstlers zeigt. Hinter den malerischen Oberflächen finden sich Schichten kontinuierlicher Übermalung, die die Bildentstehung als malerischen Prozeß für die Betrachter wahrnehmbar machen. Hinter jeder malerischen Schicht verbirgt sich ein Dokument der künstlerischen Bemühung um die Herstellung eines authentischen Bildes.

Holger Schnapp entwickelte in mehreren Arbeitsvorhaben seine Position gegenüber der Collage. In einem ersten Vorhaben wurde jeder Tag eines Monats in einer Papierarbeit durch Zeichnungen, Malerei und Collagen dokumentiert. Die so entstandenen Arbeiten faßte der Künstler in einer Holzkiste zusammen. Das aus dem Rahmen fallende Tagebuch zeigt zweierlei: In ihm sind die Spuren dieses biographischen Abschnitts durch Materialien aufgehoben, die in dieser Zeit von Bedeutung waren und dann Gegenstand künstlerischer Gestaltung wurden. „Lebensinhalt“ dieser zwei Monate waren biographische Erfahrungen und die künstlerische Tätigkeit: Ganz alltägliches Leben durchdringt sich mit der Kunst. Ein vollständig autonomes Bild gibt es nicht: Es zeigt immer Spuren einer biographischen Situation. Mit einem zweiten Projekt ändern sich Material und Fragestellung. Schnapp ersetzt seine Sensibilität für im Alltag auffindbare ästhetische Materialien durch den Blick des Fotoapparates auf diese in der Wirklichkeit wahrnehmbaren Formen und Strukturen. Dieses Diary einer Reise ergänzen Zitate aus begleitender Lektüre. Hatte der Künstler zunächst die Materialien gefunden und in das Bild transportiert, belegt er nun durch fotografische Interpretation, daß es sie tatsächlich gibt. Diese Absicht zeigt sich bis in das aktuelle Werk über New York und Berlin.

Die Einheit von künstlerischer Tätigkeit und Lebensalltag belegt Holger Schnapp noch eindringlicher in einem dreijährigen Arbeitsvorhaben. An jedem Tag des Jahres entsteht eine Collage in der Größe eines DIN-A-4 Blattes, das in einer Plastikhülle aufgehoben wird. Das Entstehungsdatum und der Entstehungsort werden in einem Stempel markiert. Alle Arbeiten wurden in einer Ausstellung entweder als Wandtableaus oder in Aktenordnern vorgestellt, die der Museumsbesucher durchblättern konnte. Bis in die neunziger Jahre behielt Holger Schnapp diese Arbeitsweise bei. Er verfolgt sie auch heute noch, jedoch nicht mehr täglich, sondern in großzügigeren Zeitabständen. Gelegentlich entstehen mehrere A-4-Arbeiten, die sich auf ein und denselben Tag beziehen und in ihrer Gesamtheit die jeweilige Situation dokumentieren. Die Projekte stellen eine Form des künstlerischen Mappings mit den Mitteln der Collage dar. Das Mapping präsentiert sich in diesem Fall als eine gebündelte künstlerische Dokumentation von Lebensspuren und von Absichten, aus diesen Spuren Material für Bilder gewinnen zu können. Die Collagen sperren sich gegenüber einer einfachen Systematisierung. Wichtige Merkmale sind in zwei Bildern zu erkennen. Die am 22.7.96 in Marseille entstandene Arbeit zeigt auf einem blauen Grund eine Postkarte über das Fährboot im alten Hafen der Stadt, Fahrkarten und ein handgeschriebenes Zitat („Das Schreiben hat mich nie verlassen.“). Das Blau des Mittelmeeres und eine offensichtliche Bootsfahrt bei einem Besuch in Marseille verbinden sich mit der Bekundung, daß eine künstlerische Äußerung (l’écriture: im Deutschen nicht übersetzbar, sich ästhetisch äußern und dabei reflektieren) zu einer Wirklichkeitserfahrung gehört: Ästhetische Erfahrungen von Wirklichkeit schließen die „écriture“ ein. Eine andere Collage „en direct de Marseille“ fügt vorhandene Malereien zu einem neuen Formgefüge zusammen. Das sind lebendige Farbflächen, wie man sie von Haus- und Türwänden oder von verwitterten Schiffsrümpfen kennt. Die spitze Wölbung der Collage empfindet den Kiel eines Schiffes nach, der auf eine zielgerichtete Bewegung verweist, die wiederum der Text bestätigt. Die beiden Arbeiten markieren Eckpunkte der künstlerischen Absichten. Sind sie auf der einen Seite Spuren einer Reise, zeigen sie auf der anderen Seite die Entstehung von Bildern aus den Erfahrungen dieser Reise.

Die Collagen sind nicht bloße Dokumentationen, sondern auch Bewertungen von Erfahrungen aus der Sicht eines ästhetisch beteiligten Menschen. Das Mapping mit Collagen ist eine künstlerische Äußerung über einen Erlebnis- und Erfahrungsraum, ein ästhetischer Diskurs im eigentlichen Sinne des Wortes. Holger Schnapp verwendet sehr unterschiedliche Materialien innerhalb sehr genau feststellbarer Handlungen, um seine Intentionen zu vermitteln. Als Materialien finden sich Postkarten, Fahrkarten, Ausschnitte aus Zeitungen mit Bildern und Texten, Reproduktionen von Kunstwerken, Schlagzeilen, Fotoabzüge und Fotomaterialien, eigenen Arbeiten, Papiere oft mit Skalen, Abfallmaterial, Wurstschalen, Folien, Buchdeckel, Schmirgelpapier, Textseiten aus Büchern und andere Zitate. Mit anderen Worten: Beinahe alles, was zweidimensional greifbar ist, findet seine Verwendung, um Aufenthaltsorte, Lektürestoffe, Auseinandersetzungen mit Kunst, die eigene künstlerische Arbeit, Alltagsbeschäftigung (essen!) und Dokumentationen zeitgeschichtlicher Vorgänge einzufangen. Diese Materialien werden geklebt, mit Tesakrepp befestigt, übermalt, bezeichnet, beschrieben und verändert. Jedes Mapping verweist nicht nur auf die Kartographie erlebter Räume. Der denotativen Funktion folgt eine konnotative. Alltag und Reisen zeugen vom Herumirren, Schweifen und Suchen. Dieser eklektische Blick auf die Wirklichkeit zeigt die Augen des Künstlers als optische Apparate eines postmodernen Subjekts. Trotz der Erkennbarkeit vieler Motive und trotz der möglichen  Zuordnung zu nachvollziehbaren Erfahrungshintergründen bleiben die Collagen in ihrem Bedeutungsgehalt offen. Sie zeigen individuelle Zugriffsmöglichkeiten, einen fortwährenden neuen Blick auf die Wirklichkeit und einen sich ändernden Blickwinkel. Daß ein biographischer Lebenszusammenhang in inzwischen etwa zweitausend Collagen künstlerisch eingebunden wird, belegt die Absicht des Künstlers, die Heterogenität solcher Erfahrungen überhaupt zu erfassen und darstellbar zu machen. Andererseits belegen diese Projekte die künstlerische Absicht, diesen eklektischen Erfahrungen ein Bild abzuringen. Holger Schnapp läßt die Diaries nicht als selbständige Aussagen gelten. Allein die Inhalte der Collagen zeigen, daß ihr wesentliches Thema die Suche nach einem Motiv für Gemälde ist. Deswegen finden sich  in den Arbeiten Auseinandersetzungen mit der eigenen Arbeit und mit der Kunst überhaupt. Diese Suche als Odyssee zu verstehen, projiziert den homerischen Topos über die zielgerichtete Lebensreise als Bewältigung von Krisen als Bewältigung äußerer Gefahren und als Entdeckung der Möglichkeit autonomer Entscheidungen auf die künstlerische Absicht, daß Malen ein Weg der Sinnkonstitution sein kann. Gleiches gilt für das Mapping.

In seinem jüngsten Projekt arbeitet Holger Schnapp an der rekonstruierenden Kartograhie des Gebäudes, das das Ministerium für Wirtschaft in Berlin aufnehmen wird. In einer umfassenden Recherche der Architekturgeschichte des Gebäudes und seines städtebaulichen Umfeldes entwickelt der Künstler „Standorte“ um das Gebäude herum, die die Blickwinkel markieren, unter denen Menschen diesen Lebensraum wahrgenommen und erlebt haben. Diese Standorte markiert er in seinem Arbeitsjournal auf einer Karte. Schnapp begibt sich in die Rolle eines Forschers, der die Ergebnisse seiner Kartographie schließlich durch ein künstlerisches Supplement ergänzt. So wird die zentrale Gebäudetreppe nicht nur als architektonisches Dokument, sondern als eine Metapher von Spuren verstanden. Holger Schnapp erkennt in der Treppe eine Spur der Entstehungsgeschichte von Gottfried Benns „Morgue-Gedichten“. Benn hatte an der Pepiniere, der „Kaiser-Wilhelm-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen“, studiert und dort nicht nur elementare Fragen des militärärztlichen Nachwuchses, sondern auch die gesellschaftliche Bildung des Offizierkorps kennengelernt. Schnapp dokumentiert die Treppe als fotografisches Bild, überträgt es in einen Siebdruck und ergänzt es durch ein Zitat der aktuellen Tagespresse als Zeichen der individuellen Deutungsperspektive:

„Als ich nach meiner ersten Fotosequenz im künftigen Ministeriumsgebäude eine Tageszeitung kaufte, las ich im Lokalteil die Überschrift: »Am letzten preußischen Ort der Welt«. Von dort, so hatte ich den Eindruck, kam ich gerade.“ (Arbeitsjournal). Über Text und Bild druckt Schnapp schließlich abstrakte Farbspuren, die auf sein eigenes künstlerisches Werk verweisen, denn er hatte auch im angrenzenden Kanal Schiffe entdeckt, deren Rümpfe einmal mehr nicht als ästhetische Augenfälligkeit, sondern als Metapher für fließende Zeit wirkten. Diese bröckelnden, verrostenden, immer wieder übermalten Farbschichten auf dem Stahl der Schiffe zeigen das Verstreichen der Zeit und die Bemühung der Instandhaltung. Zeitfluß und Instandhaltung sind aber auch das Thema der Pepinière, sind die Übermalungen Metaphern für die künstlerische Tätigkeit an sich. Schnapp wird sein Mapping in einer zehnteiligen Serie mit Druckgrafiken über das Gebäude, den Scharnhorst, Schinkel, Brecht und die Wasserwege zusammenführen und den Grundriß des Gebäudes in einem Gemälde rekonstruieren. Mapping kann ein Arbeitsprozeß mit unterschiedlichen Mitteln und Bildverfahren sein. Der entstehende Atlas faßt den Arbeitsprozeß zusammen und stellt den Betrachtern den Weg seiner Entstehung vor Auge.

Collagen leben von ihrer Mehrdeutigkeit. Über sie lassen sich wohl kaum eindeutige Aussagen formulieren. Collagen verlangen als künstlerisches Verfahren nach Serialität und Variation. Ihre Serialität zeugt von dem Wunsch, doch Eindeutigkeit herzustellen, und Variation ist die Einsicht der Veränderbarkeit. Das Prinzip Collage beinhaltet die Annahme, daß Motivsetzungen auch immer anders möglich sind. Unterliegen Collagen einem erkennbaren Konzept, werden sie für Betrachter verständlicher und für ihre Autoren kalkulierbarer.

Ein solches Konzept ist unter anderen das Mapping. In dem Atlas als Instrument des Mappers ist die Collage Form der ästhetischen Gestaltung und Dokument der ästhetischen Erfahrung im Mapping. Jene Übermalungen, die Collagen und das Mapping stehen innerhalb einer Theorie der zeitgenössischen Malerei in einer weiteren Beziehung zueinander. Denn begreift man die Übermalungen als einen Prozeß in der Entstehung von Bildern und sieht man sie als ein Kennzeichen einer Malerei, die den Gegenstandsbezug aufgegeben hat, werden sie Merkmale einer Auffassung von Bildern, die „aus dem Prozeß entstehen“: einer Methode, „etwas entstehen zu lassen, anstatt zu kreieren“ (Richter 1993)

 

Klaus Peter Busse